Begriffe, die in Unternehmen dazu einladen, genauer hinzuschauen

"Best-Practice", "verkünden" und "berichten" - Alarmsignale für die Organisationsfähigkeit?

Drei Begriffe sind es, die mir in Unternehmen schon so oft begegnet sind, dass ich mittlerweile Muster erkenne, die mich diese Begriffe als Alarmsignale - hinsichtlich der Organisationsfähigkeit - deuten lassen.

Es geht mir - zumindest nicht in diesem Artikel - um eine grundsätzlich Kritik an Buzzwords. Einerseits bin ich als Betriebswirt selbst zu einer inflationären Verwendung sozialisiert worden, andererseits können sie eben gute Hinweisgeber dafür sein, "was gerade los ist" in einer Organisation.

Hier nun die drei Schlagworte mit meiner Interpretation:

Best-Practice

Was offensichtlich ist: Wer Best-Practice fordert, ist der Meinung, dass das Unternehmen bei einem bestimmten Thema Nachholbedarf hat. Dies ist in den meisten Fällen auch ein zutreffende erste Analyse.

Was aber steckt noch hinter dem Ruf nach Best-Practice? Aus meiner Sicht sind es zwei Motive, die in Kombination auftreten können. Meist dominiert aber eines der beiden.

Die erste Variante ist eine Geringschätzung der eigenen Möglichkeiten große Themen - darum geht es meist - im Unternehmen aus eigener Kraft zu meistern. Daraus resultiert dann der Ruf nach einem Blueprint, der ja, weil er auch in anderen Organisationen funktioniert, erfolgreich im eigenen Unternehmen umgesetzt werden kann - so die Hoffnung.

Hinter der zweiten Variante steht das Motto "wasch mich, aber mach mich nicht nass". Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass anstehende Veränderungen im Unternehmen nicht so einfach umzusetzen sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese, meist auf kultureller Ebene liegenden Themen, so die Erwartung, müssen durch die Anwendung eines Best-Practice erst gar nicht angepackt werden.

Was ist Unternehmen zu raten, in denen der Ruf nach Best-Practice eine auffällig große Rolle spielt?

Zunächst sollte möglichst ehrlich die Frage beantwortet werden, was man sich von der Best-Practice erhofft - vor allem mit Fokus auf den Weg hin zum gewünschten Ziel. Meist steht nämlich bei der Best-Practice das Ergebnis im Vordergrund, gerade weil man Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin vermutet.

Als Ergebnis könnte eines der beiden oben genannten Motive entdeckt werden. Im ersten Fall sollte ein Abgleich zwischen Anspruch und Fähigkeiten stattfinden. Im Ergebnis sollte das zu bearbeitende Thema stärker eingegrenzt und / oder die Fähigkeiten gestärkt werden, die nötig sind, um anstehende Veränderungen zu meistern.

Fall zwei wird regelmäßig der schwierigere sein. Auch hier kann zunächst das Themenfeld eingeschränkt werden. Dies wird aber vielfach darin resultieren, dass grundlegende, wichtige Themen außen vor bleiben. Es steht also die weitreichende Entscheidung an, ob man kurzfristige Symptombekämpfung betreiben oder, mit dem Angreifen von Ursachen, in langfristiges Erfolgspotential investieren will.

Fazit: Unternehmen, die nach Best-Practice fragen, haben Handlungsbedarfe erkannt und wollen Veränderungen herbeiführen. Es wird im Ansatz wahrgenommen, dass diese Veränderungen eine große Herausforderung bis Überforderung darstellen. Was fehlt ist die explizite Beschäftigung mit der Überforderungssituation.

Verkünden

Ein selteneres, aber auch wiederholt gehörtes Wort ist verkünden. Dahinter steht meist ein Projektteam oder Managmentgremium, das ein von ihnen erarbeitetes Konzept - mit einem gewissen Stolz - denjenigen vorstellt, die dieses Konzept mit umsetzen sollen.

Das muss nicht in jedem Fall falsch sein. Dennoch sollte man sich regelmäßig ganz bewusst mit der Frage beschäftigen, ob das verkünden nicht einem gemeinsam erarbeiten weichen sollte.

Berichten ...

..., im Sinne von
"Herr X berichtet an Frau Y."
"Sollte Herr A in der neuen Struktur nicht besser an Herrn B berichten?"

Im Gegensatz zum verkünden gehört das an jemanden berichten leider zu einer weiter verbreiteten Redewendung, die ich auch bei weitem bedenklicher finde. Der Grund: Mit Verwendung des Begriffes wird offensichtlich unqualifiziert über Organisationsgestaltung gesprochen oder Verschwendung in den Abläufen zugelassen.

Zunächst ist festzustellen, dass es sich bei berichten im oben genannten Wortgebrauch um die wörtliche Übersetzung von to report to somebody handelt, was sinngemäß für jemandem unterstellt sein steht. Es ist also eine Redewendung, die primär auf die Aufbauorganisation abzielt.

Bei der Betrachtung der konkreten Verwendung in einem Unternehmen stellt sich die Frage, welche Bedeutung gemeint ist:

Möglichkeit eins: es dreht sich tatsächlich um berichten im wörtlichen Sinne. Wäre dies so, würde der Kritikpunkt Verschwendung greifen. In den meisten Unternehmen geht es daher wohl nicht - zumindest nicht ausschließlich - um die wortwörtliche Bedeutung. Ob der häufigen Verwendung würde dies nämlich bedeuten, dass das Berichten tatsächlich einen hohen Stellenwert in den Tätigkeiten des Unternehmens einnimmt. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, ist die Empfehlung, eine Reduzierung der nicht wertschöpfenden Tätigkeiten anzugehen.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass es im Sinne eines to report to somebody um Unterordnungsverhältnisse geht, davon ausgehend, dass jeweils klar definiert ist, worin genau dieses Unterordnungsverhältnis beinhaltet. Dies mag gelten, wenn es um disziplinarische Themen geht, die in vielen Unternehmen noch recht klar definiert sind. Da es meist aber gerade nicht um disziplinarische Themen geht, wenn von jemand berichtet an jemanden die Rede ist, sondern um Arbeitsabläufe, ist mein Eindruck, dass es sich in einem Großteil der Fälle um Möglichkeit drei handelt.

Diese dritte Möglichkeit beinhaltet, dass mit jemand berichtet an jemanden eine ganz spezifische Input- / Output-Beziehung gemeint ist, es also nicht um die Aufbauorganisation, sondern um die Ablaufgestaltung geht. Dabei wird diese Beziehung auf A berichtet an B reduziert. Bei der Vielfalt der Prozesse im Unternehmen ist es offensichtlich, dass es sich dabei um eine zu vermeidende Vereinfachung handelt. Es kann eben nicht davon ausgegangen werden, dass mein Gegenüber bei A berichtet an B an die gleiche Beziehung denkt wie ich.

Nachfolgend drei Fragestellungen, die gleichermaßen dazu geeignet sind, der Komplexität der Organisation Rechnung zu tragen, und anstelle eines vereinfachenden berichten treten können.

funktional: Welche Funktion erfüllt A für B, welche Funktion erfüllt B für A?

rollenorientiert: Welche Erwartungen hat A an B, welche Erwartungen B an A?

prozessorientiert: Welchen Input liefert A an B, welchen Input B an A?

Mit dem Fazit zu der Redewendung an jemanden berichten schließt sich auch der Kreis zu den Best-Practice: Beide versuchen organisationale Fragestellungen zu vereinfachen, indem Sie diese zu großen Teilen ausblenden. In sehr vielen Fällen führt dies jedoch dazu, dass diese später mit noch größerer Wucht zu Tage treten.

Teilen Sie meine Beobachtungen? Welche Schlagworte lassen Sie genauer hinschauen?

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